ISSN 1755-8824 (Online) AUSGABE 9: April 2010 intensetimes Einleitung des Herausgebers 2010 wurde das ISICEM 30 Jahre alt. Dieses großartige Symposium wächst in vielfältiger Weise immer weiter, nicht zuletzt zahlenmäßig – von 200 Teilnehmern bei der Gründung bis auf >5000 Teilnehmer dieses Jahr. In einer wesentlichen Hinsicht hat sich das ISICEM jedoch überhaupt nicht verändert: Das Symposium wurde von Professor Jean-Louis Vincent als intellektueller Schmelztiegel für die Intensivmedizin gegründet, und Professor Vincent hat mit Energie und Geschick dafür gesorgt, dass in all den 30 Jahren niemals Kompromisse im Hinblick auf diese Zielsetzung eingegangen wurden. Das Kaliber der Vortragenden wie auch die hohen Teilnehmerzahlen legten dieses Jahr davon erneut Zeugnis ab. Unsere warmen Gefühle dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer noch viel zu tun gibt. Ein Punkt, den Professor Vincent selbst bei der Eröffnungssitzung vorbrachte, ist die Tatsache, dass die Intensivmedizin während der ersten 30 Jahre ISICEM zwar durch viele kleine Fortschritte und fortlaufende technische Verbesserungen, nicht aber durch irgendwelche wesentlichen Durchbrüche gekennzeichnet war. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit, wenn man auf etwas wartet, was nicht eintritt – ist dieses Fehlen eines transformativen Durchbruchs als ein Scheitern anzusehen? Ich denke, eher nicht. Die Komplexität der Intensivmedizin steht der Entdeckung von Patentlösungen wohl entgegen; und die einzelnen Veränderungen mögen vielleicht klein gewesen sein, sie haben aber in der Summe doch oft beträchtliche Auswirkungen gehabt. Ich teile hier ganz die Ansicht von Professor Vincent, dass die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre wohl die Art des Versorgungsablaufs betrafen und dass es noch immer reichlich Raum für frisches Denken darüber gibt, was zu tun ist und wie man es tun sollte. Noch immer gibt es in vielen Bereichen einen eklatanten Mangel an umfassenden und robusten Daten, an denen sich die praktische Arbeit orientieren könnte. Zumindest einige dieser Lücken zu füllen, gehört eindeutig zu den strategischen Prioritäten für die nächsten 30 Jahre. Mehr zu Professor Vincents eigener Sichtweise der Trends der letzten 30 Jahre, sowie auch die Ansichten anderer führender Köpfe unserer Disziplin, können Sie auf dieser Seite (und auch auf der Umschlagrückseite) finden. Zurück im Hier und Jetzt haben wir in dieser Ausgabe der intensetimes unsere Mitbringsel vom ISICEM zusammengestellt. Wir freuen uns, den Berichten einen Essay zum Thema ‘Sedierung und Immunfunktion’ von Dr Robert Sanders und Mitarbeitern voranstellen zu können. I N H A LT Gastessay: Sedierung und Immunfunktion: Optimierung für kritisch kranke Patienten Neuigkeiten vom ISICEM 2010 Kontroverse Ansichten Was nützt eine solche Empfehlung? Delirium „goes Mainstream“ beim ISICEM Das weiße Zeug: Propofol auf dem Prüfstand Werden Bakterien die Erde (wieder) übernehmen? Poster-Preisträger Ist das ein Tintenfischnetz oder ein Hummerfangkorb? 16 19 14 15 6 8 10 12 2 Dr Riku Aantaa Chefredakteur, intensetimes Universität Turku, Turku/Finnland Das ganze Bild… Weitere Aussichten vom ISICEM Zu Beginn des ISICEM 2010 gaben führende Experten der Intensivmedizin und –wissenschaft in konzentrierten Übersichtsvorträgen einen Überblick über die großen Themen bzw. Veränderungen der letzten 30 Jahre. In diesem Artikel wurden einige dieser Themen zusammengefasst. oder könnte – mit Schwerpunkt auf der Lebensqualität – verlagert. Dieser Trend, der zunehmend an Kraft gewinnt, hat andere, weniger vorteilhafte Entwicklungen teilweise wiedergutgemacht – so zum Beispiel die Fixierung auf „Normales“ und simple Zahlen auf Kosten der Berücksichtigung physiologischer Vorgänge und eines detaillierten Verständnisses der Krankheitsabläufe. In der klinischen Forschung und bei der Entwicklung neuer Arzneimittel steht nicht selten jeder Studie, die einen therapeutischen Nutzen proklamiert, eine andere Studie gegenüber, die keinen Gewinn oder sogar einen Schaden zeigt. Fast war es schon so weit, dass man die Ergebnisse einer Studie zu einer bestimmten Intervention, von der man nicht überzeugt war, mit dem Hinweis ignorieren konnte, dass in Kürze eine andere Studie mit diametral entgegengesetzten Ergebnissen veröffentlicht werden würde! Wahrscheinlich waren diese Episoden einander widersprechender Datenschlagzeilen implizit Ausdruck der Heterogenität unserer Intensivpatientenpopulation bzw. der Schwierigkeit, jeweils zuverlässig diejenigen Patienten herausfinden zu können, die von einer bestimmten Intervention profitieren würden. Unter dem Strich haben die genannten Faktoren und ihre Wechselwirkungen dazu geführt, dass die Praxis der Intensivmedizin in den vergangenen 30 Jahren in vielen Fällen durch ein „Weniger“ charakterisiert war: weniger aggressive Beatmung, weniger invasives Monitoring, weniger Kalorien, weniger Transfusionen, differenzierterer Einsatz von Antibiotika und jetzt auch weniger Sedierung. Dieser Trend wird sich vermutlich – wenn auch mit Ausnahmen (siehe Umschlagrückseite) – in die nächsten 30 Jahre hinein fortsetzen. (Zusammenfassung eines Kommentars von Professor Jean-Louis Vincent, Brüssel/Belgien) Weniger ist heutzutage mehr Mit den stärksten Einfluss auf die Praxis der Intensivmedizin in den 30 Jahren seit der Gründung des ISICEM hatten die Patienten selbst. Durch die demografische Verschiebung weg von relativ wenigen relativ jungen Patienten, die zumeist Opfer schwerer Unfälle waren, hin zu einer merklich älteren, multimorbiden Population von Patienten, die oft mehrfach oder längere Zeit auf der Intensivstation liegen, hat sich das Augenmerk der Versorgung von dem, was man tun kann – mit Schwerpunkt auf der Erhaltung des Lebens – hin zu dem, was man tun sollte Fortsetzung Umschlagrückseite Besuchen Sie auch unsere Webseite: www.intensetimes.eu